Archiv für den Monat: Januar 2020

Zwischen den Fluren

Was Alltag in der Pflege bedeuten kann

Ein Erfahrungsbericht

Unsere Mitarbeiterin Friederike Aps hat vor Jahren einige Monate in einem Seniorenheim in der Küche gearbeitet. Nun hat sie diese Zeit reflektiert. Von der Pflege, Gefühlen, Überforderung, Schmerz und schönen Momenten


Der emotionalste und intensivste Job, den ich gemacht habe, war die Arbeit in einer Küche für ein Pflegeheim in Berlin Charlottenburg. Nie hat mich ein Job so dermaßen an meine körperlichen und mentalen Grenzen gebracht, nie hat ein Job so mein Herz erfüllt wie dieser. Die Schichten waren brutal. Die Bedingungen streng. Wir durften das Essen nach der Ausgabe nicht anrühren, auch wenn wir kurz davor waren es zu entsorgen. Natürlich haben wir es trotzdem gegessen, heimlich in den verstecken Ecken der Katakomben der Küche. Wir durften keine Trinkflaschen bei uns tragen. In der Nachmittagsschicht war ein Küchenangestellter allein für das fünfstöckige Haus verantwortlich. Kaffee, Abendbrot, kompletter Abwasch. Nach meiner Schicht war mir manchmal schwarz vor Augen, ich konnte nicht mehr richtig stehen. Tagtäglich habe ich mich an meine Grenzen gebracht, für Mindestlohn.

Um mich herum waren die Pfleger. Kraftvoll sind sie von Zimmer zu Zimmer, flogen durch die Flure. Ich erinnere mich an diese unerschütterliche Energie, diese Stärke, die sie von irgendwo her nahmen. Es ist ein Wahnsinnsjob. Ich war als Küchenmitarbeitern das letzte Glied der Kette. In den ersten Wochen kam mir die Arbeit vor wie ein kontinuierliches Getöse. Schreiende Pfleger, schreiende Bewohner und die meisten Küchenmitarbeiter haben auch geschrien. Einige Schichten haben sich angefühlt, wie ein andauernder Nervenzusammenbruch.

Zigarettenstummel wurden leidenschaftlich in Aschenbecher gedrückt

Der Anker in der Pflege ist die Zeit. Wenn man gut in der Zeit war, also pro Bewohner nur die angemessene Zeit verbracht hat (bei der Essenausgabe konnte man maximal drei Minuten pro Tür verbringen) dann hatte man alles im Griff. Unsere Körper waren Maschinen. Jeden Tag haben wir versucht die Zeit zu beherrschen, unsere Körper weiter zu drillen, ein bisschen schneller die Brote zu schmieren, ein bisschen schneller zu laufen, ein bisschen schneller die Wägen zu schieben. Es war ein Wettkampf. Unsere Beine trugen uns jeden Tag ein bisschen schneller durch die Flure, unsere Hände arbeiteten jeden Tag ein bisschen effektiver.

Die einzigen Momente der Stille, radikale Zäsuren mitten im Getöse, waren die Zigarettenpausen. Dort saßen wir alle beisammen, Pfleger und Küchenmitarbeiter. Die Kollegen klammerten sich an ihre Zigaretten als würden sie ihnen Halt geben. Die Pfleger redeten über die Bewohner. Sie werteten aus, wer gekratzt oder gebissen worden ist, sprachen über Krankenhäuser, den Tod, die Abläufe, die Wut auf die Chefetage. Dann erwähnten sie belanglose Privatthemen, mit dem Blick nach draußen, in die ferne Freiheit. Wir konnten sie nicht sehen. Zigarettenstummel wurden einer Zeremonie gleichend leidenschaftlich in Aschenbecher gedrückt, die Beine wieder auf dem Sprung, die Schlüsselbänder ragten aus den Hosen hervor, die Zigarettenschachteln wurden verstaut und dann ging es weiter, rein ins Getöse und wir sind ihnen gefolgt mit unseren Mittagswägen.

Irgendwann fühlte ich das, was die Pflege zu einem tollen Beruf macht

Mit der Zeit habe ich mich an die Abläufe und den Alltag der Küche und Pflege gewöhnt und die Routine trat ein. Damit hatte ich die Möglichkeit Geschichten und Gesichter hinter den Türen zu sehen. Ich habe wahrhaftig Menschen sehen können. Die Freude und das Strahlen in den Augen, wenn man mit ihrem Lieblingsessen vor ihnen stand. Ich sah die Dankbarkeit, das ehrliche Lob wenn man alles richtig aufgetischt und wenn man sich Wünsche gemerkt hat.

Ich bekam die begeisterte Begrüßung von Lieblingsbewohnern, welche sich an mich erinnerten und mich bevorzugten. Sie sahen morgens zum Frühstück augenzwinkernd zu mir rüber und erklärten begeistert ihren Nachbarinnen, dass sie heute ein besonders schönes Frühstück bekommen würden, da ich ja nun da wäre und ich wisse genau was gewollt ist. Ich gab besonders viel Marmelade auf das Brot und Frischkäse dazu. Sie liebten den Frischkäse und wollten immer ein extra Schälchen. Das sie eigentlich gar nicht kriegen durften. Am Tisch am Fenster musste der Früchtetee immer gefüllt bleiben, kalt werden. Nie durfte nachgeschenkt werden. Die anderen Tische waren Koffeinsüchtig. Und für drei besonders nette Damen gab es immer ein bisschen extra Obstsalat. Über das Gezeter der Bewohnerin ganz hinten links, konnte ich  (und musste ich) irgendwann einfach hinweghören.

Elegant bin ich an den Rollstuhlgriffen vorbei getänzelt. Niemals hängen bleiben, niemals anrempeln. Nicht zu sehr runterbeugen, nicht zu laut reden, aber immer beherzt und freundlich. Und schneller, schneller, schneller, damit Zeit für das Eigentliche bleibt. Hände auf Schultern. Einen kleinen Schnack im Vorbeirennen halten. Den Pflegern beruhigend die fertig gemachten Teller in die Hand drücken und ihnen Mut zu sprechen. Irgendwann war ich eine Meisterin in diesem Job. Ich fühlte das was die Pflege auszumachen scheint. Das was zurückkommt, dass was einem die Energie dafür gibt. 

Völlig allein am Kaffeetisch

Es gab einen Bewohner, den ich nie vergessen werde. Ich sah ihn nie lächeln. Der Depression folgt die Isolation. Er war zornig und grummelig, dadurch unbeliebt, man wollte mit ihm nicht viel zu tun haben. Dabei war er Opfer seiner Trauer, seine Frau längst von ihm gegangen. Diesem, für die Pflege alltäglichem Geschehen, konnte man nicht die Empathie entgegenbringen, die er gebraucht hätte. Er wirkte allein und isoliert, seiner Trauer und seiner Depression ausgesetzt. Sein Anblick war der einer personifizierten Bitterkeit. Das alt sein, das Warten auf den Tod ist ungnädig, brutal und schmerzerfüllt.

Ich ging mit ihm um wie mit jedem der Bewohner. Unerschüttert und vollgepumpt mit Adrenalin begrüßte ich ihn täglich voller Inbrunst, stürmte in seine Welt, lächelte ihn an, aber ging dann nicht weiter auf ihn ein. Ich ermunterte ihn nicht, ich versuchte ihm lediglich meine Wärme in den Raum zu stellen, ohne sie ihm ungewollt an den Kopf zu werfen und eine Reaktion zu erwarten. Eines Tages saß er völlig allein am Kaffeetisch. Noch heute kommen mir mit diesem Bild die Tränen. Ich brachte ihn seinen Kaffee. Es war Kekstag, wie immer streng abgezählt. Ich sagte etwas Herzliches, und er aß seinen Keks schnell auf. Ich war, angesichts meines strengen Zeitablaufs, längst über alle Berge. Dennoch ging ich nochmal zu ihm zurück und ich legte ihm lächelnd ein paar weitere Kekse auf den Teller. Ich erinnere mich daran, wie er ihn in die Hand nahm. Ich drehte mich um und der Bewohner, der niemals lacht, grinste mich freundlich an.


Du hast auch eine bewegende Geschichte zu erzählen? Du möchtest deine Gedanken zu deinem Beruf mit uns teilen? Dann schreib uns! Wir freuen uns auf dich. #wirsinddiepflege

Neugierig auf die angehenden Pfleger bei Campus? Unsere Besten wurden kürzlich gekürt. Schaut hier

Auszeichnung für Campus Absolvent

Marko Stocks bekommt Preis der Ludwig Schlaich Stiftung

Ein Text von Friederike Aps 

Ein Anfang kann vielerlei bedeuten. Ängste, Herausforderungen, aber auch Vorfreude. Wenn man etwas anfängt, steht die Frage im Raum: Wie mache ich das? Die Antwort ist immer die gleiche: einfach loslegen. Denn wenn man das geschafft hat, ist man schon mitten drin. So verhält es sich auch mit der Abschlussarbeit am Ende einer Ausbildung. Sie soll bestenfalls der Meilenstein sein, das glorreiche Ende, das Aushängeschild auf dem Weg zum Beruf. Oder einfach der sehnlichst erwünschte Abschluss, die letzte Pflicht die man noch zu erfüllen hat, bevor man das Zeugnis in den Händen halten darf. Marko Stocks, Heilerziehungspflegeabsolvent des Campus Berufsbildung e.V. stand ebenfalls vor dieser Herausforderung. Er verfasste seine Arbeit zum Thema: „Besser verstanden und gehört werden – Förderung kommunikativer Fähigkeiten bei infantiler Cerebralparese und Dysarthrie“.

Eine Abschlussarbeit mit Perspektive

Eine Abschlussarbeit kann auch als Beitrag zum jeweiligen fachlichen Diskurs fungieren. Dem gibt die Verleihung des Stiftungspreises der Dr. Ludwig Schlaich Stiftung bei der Jahrestagung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Ausbildungsstätten für Heilerziehungspflege und Heilerziehung (BAG HEP e.V. ) eine Plattform. Indem Projekte und Facharbeiten aus dem Bereich der Heilerziehungspflege gefördert werden, können diese nach außen getragen und damit perspektivisch die Lebensqualität für Menschen mit Behinderungen verbessert werden. Ein toller Motivator, dem sich Marko Stocks beim Verfassen seiner Arbeit noch gar nicht bewusst war.

Stocks bekommt Auszeichnung für Abschlussarbeit

Marko Stocks, Heilerziehungspfleger

Marko Stocks hat seine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger bei Campus berufsbegleitend absolviert. Er arbeitet bei der Neue Lebenswege GmbH Berlin. Für die Wahl seines Themas war unter anderem sein Interesse am Fach Medizin ausschlaggebend. Konkret entwickelte sich das Projekt basierend auf den Wünschen seines Assistenznehmers, ein junger Mann mit infantiler Cerebralparese und Dysarthrie. Er äußerte gegenüber Stocks den Wunsch, bei seiner Teilnahme in Laientheatergruppen einen größeren Sprechanteil bekommen zu können. Daraus entwickelte sich das Vorhaben eines systematischen Sprechtrainings. In Verbindung mit dem für Stocks als inspirierend empfundenen Unterricht bei Dr. Jens Hüsemann, der das Interesse am Fach Medizin bei Stocks förderte, entstand diese beeindruckend detaillierte und fachlich äußerst versierte Abschlussarbeit. Die Preiswürdigkeit der Arbeit wurde von Dr. Hüsemann und vom Koordinator des Ausbildungsgangs Heilerziehungspflege Torsten Fähnrich erkannt. Gemeinsam entschieden sich Fähnrich, Stocks und Dr. Hüsemann die Arbeit einzureichen – mit Erfolg.

Zukunftsfragen der Heilerziehungspflege

Der Beruf Heilerziehungspflege ist ein Beruf, der von außen schwer zu greifen ist. Wenn man sich mit der Berufsbezeichnung auseinandersetzt, stellt man schnell fest, dass hier versucht wurde, einige Teilgebiete aus dem Beruf in einem Begriff zusammen zu würfeln. Dass man mit dem Begriff Heilerziehungspflege dem Anspruch einer Arbeit auf Augenhöhe nicht gerecht werden kann, wurde auch bei der Jahrestagung Bundesarbeitsgemeinschaft der Ausbildungsstätten für Heilerziehungspflege und Heilerziehung in der Bundesrepublik Deutschland BAG HEP e.V.  diskutiert. Eine kurze Zusammenfassung dieser definitorischen Debatte könnte sein: weg mit dem Heilbegriff, her mit der Teilhabe. Der Weg zur wahrhaftigen Augenhöhe und einer inklusiven Gesellschaft ist ein langer und steiniger Weg.

In Berlin steht die Ausbildung zu diesem Beruf derweil ganz anderen Herausforderungen gegenüber. Die Aspekte der Prüfungsordnung im Land und ihre benachteiligenden Aspekte für die Schüler*innen sind auch in der Ausbildungszeit von Stocks nicht unbemerkt geblieben. Durch das Wissen darüber, dass im Falle eines Scheiterns im Kolloquium ein gesamtes Schuljahr wiederholt werden muss, entsteht ein enormer Druck. Schließlich ist die Durchführung einer Ausbildung nicht nur eine Frage des Erlernens bestimmter Inhalte, sondern auch eine Herausforderung finanzieller Natur. Ein Jahr verlängern zu müssen, wäre also auf vielerlei Ebenen dramatisch und auch aus pädagogischer Sicht völlig unnötig. Welche weiteren Hürden auf dem Weg zum*zur Heilerziehungspfleger*in erklommen werden müssen, kann hier nachgelesen werden.

Stocks hat diese Herausforderungen erfolgreich gemeistert. Wie er Campus mitteilte, war die Berufswahl zunächst eine Entscheidung um sich sein tägliches Brot zu verdienen. Im Laufe der Zeit, entwickelte sich eine Liebe zu seinem Beruf. Die Qualifikation durch seine Ausbildung bei Campus öffnet ihm nun Türen in seiner zukünftigen Arbeit mit Menschen mit Behinderungen.

Das Projekt zur Abschlussarbeit

Stocks Facharbeit rankt sich um ein theoretisches Gerüst zu Sprache und Sprechen bei gesunden Menschen.  In Zusammenarbeit mit dem Assistenznehmer und seiner Sprachtherapeutin führte er dann über mehrere Wochen Übungseinheiten mit dem übergreifenden Ziel der Verbesserung kommunikativer Fähigkeiten zur Förderung der sozialen Teilhabe durch. Stocks fasst zusammen, dass beim Assistenznehmer eine deutliche Zunahme des Stimmvolumens sowie der Betonung von Emotionen beim lauten Lesen festzustellen ist. Zudem betont Stocks, dass eine zunehmende Eigenverantwortlichkeit bei der Durchführung des Projekts durch den Assistenznehmer stattgefunden hat. Durch die in der Arbeit erworbenen medizinischen Fachkenntnisse, konnte Stocks Möglichkeiten und Grenzen des Assistenznehmers ausloten die ihm vorher so nicht bewusst waren. Ihn begleitete daher auch die Frage nach der Individualität in der heilerziehungspflegerischen Arbeit. Wann muss man Grenzen anerkennen und wann sind sie verschiebbar?

Schlaich Preis Verleihung

Marko Stocks bei der Verleihung des Schlaich-Preises im November 2019

Im Rahmen dieses Projekts wurden zweifelsfrei Grenzen verschoben. Seinen Abschluss fand das Projekt dort, wo das Niederreißen von Grenzen und die Sehnsucht nach Freiheit programmatisch ist – auf einer Theaterbühne. Im Rahmen einer theatralischen Lesung im Theaterhaus Berlin Mitte las der Assistenznehmer aus “Der kleine Prinz”. Marko Stocks stellte im November 2019 seine Arbeit bei der Verleihung des Schlaich Preises in Potsdam vor. Den Abschluss bei Campus hatte er da schon länger in der Tasche. Die Begegnung mit Dr. Hüsemann und Torsten Fähnrich war also auch eine kleine Wiedersehensfeier. Eine Erinnerung an den Abschluss, während schon längst neue Anfänge gemacht sind.