Archiv des Autors: Sebastian Wala

Auslandspraktikum in Rumänien 2

Rebecca aus der Erzieherklasse E18 absolviert ein Auslandspraktikum in Rumänien. Über ihre Erfahrungen während dieses Praktikums verfasst sie regelmäßig kleinere Blogartikel. Doch lest selbst:

Neues aus Timişoara:

In dem Kindergarten „Kinderwelt“ habe ich mich bereits gut eingelebt und alles kennengelernt. Es gefällt mir sehr gut hier, die Kollegen sind alle super herzlich und hilfsbereit und von meiner Anleiterin kann ich viel lernen. In diesem Blogbeitrag möchte ich von einer besonderen Situation erzählen, die sich vor circa einer Woche ereignete. An einem sonnigen Arbeitstag ging ich wie gewohnt zur Einrichtung und war schon fast am Kita-Eingang, da bemerkte ich eine Bewegung am Wegesrand. Überrascht schaute ich genauer hin: Dort lag eine relativ kleine Eule mit einem seltsam verdrehten Flügel im Gestrüpp. Etwas unschlüssig, was ich tun sollte, machte ich erst mal ein „Beweisfoto“ und ging in den Kindergarten und erzählte diese Geschichte meiner Gruppenleiterin.

Diese konnte da jedoch auch nichts machen, da es hier keinen zuständigen Förster gab, der für verletze Wildtiere verantwortlich wäre und sich darum kümmern könnte. Als dann noch einige andere Erzieher von der Eule erfuhren, beschlossen wir, die Eule erst mal in einer Pappkiste im Schuppen der Kita unterzubringen, damit sie vor Straßenhunden oder möglichen anderen Gefahren geschützt war. Da unsere Kitaleiterin sehr tierlieb war, rief diese auch gleich einen Tierarzt an, der etwas später vorbeikam, um die Eule abzuholen und weiterzupflegen und den gebrochenen Flügel wieder zu richten. Zu diesem Zeitpunkt, wo der Tierarzt die Eule begutachtete, waren auch einige Gruppen auf dem Hof und wollten die Eule einmal sehen. Der Tierarzt ließ alle Kinder gucken und teilweise auch vorsichtig streicheln, während fleißig Fotos gemacht wurden. Nun ist die Eule in ärztlicher Behandlung und ich bin sehr froh, dass wir etwas für das Tier tun konnten.

Etwas kritisch sehe ich, dass die Kinder die Eule anfassen durften (Krankheitsgefahr!) und sie so zur Schau gestellt wurde. Da Eulen bei Tageslicht nahezu blind sind, bedeutete dies wohl noch zusätzlichen Stress für sie. Durch Situationen wie diese entdecke ich im Alltag immer wieder die kleinen, aber feinen Unterschiede in der Mentalität zwischen Deutschland und Rumänien. Das ist spannend und regt zum Nachdenken und Hinterfragen der eigenen Einstellungen und Verhaltensweisen an. Ich bin gespannt, was mich die nächste Zeit noch erwarten wird!

Auslandspraktikum in Rumänien

 Eine stürmische Begrüßung:

Ein Praktikum in Timisoara, Rumänien. Dass das eine Herausforderung darstellen würde, dessen war ich mir schon lange vorher bewusst, aber mit diesem Start hätte ich nicht gerechnet. Einen Tag vor Praktikumsbeginn in einem Kindergarten in der Vorschulgruppe kam ich an. Abends wollte ich mich dann mit meiner Praxisanleiterin treffen und in meiner Unterkunft „einziehen“. Doch vorher hatte ich noch Zeit, mich mit der Stadt ein bisschen vertrauter zu machen und trotz grauem Wetter und dicken Wolken sprudelte ich vor Aufregung und Neugier, was mich erwarten würde. Ich war vielleicht eine halbe Stunde angekommen, da bemerkte ich den immer stärker werdenden Wind und seltsame Wolkenformationen, die sich zu mehreren Strudeln bildeten und immer näher kamen. Gerade befand ich mich auf dem Parkplatz eines Kauflandes und als die ersten Schilder umher flogen und mir der Sand in die Augen kam, rettete ich mich mit vielen Anderen in den Laden.

Später berichteten mir Freunde aus Deutschland, dass sie davon in den Nachrichten gehört hätten, was für ein großes Unwetter in Timisoara gewütet hatte, was sogar mehrere Todesopfer und viele Verletzte mit sich gebracht hatteL. In weiten Teilen der Stadt und im Umland waren stundenlang die Strom- und Wasserversorgung unterbrochen. Überall lagen umgekippte LKWs, es hingen umgeknickte Werbeschilder auf den Straßen und es waren viele Äste abgebrochen und zum Beispiel auf Autos gekippt. Ich kann nur sagen: Gott sei so Dank, dass meinen Lieben, die mich mit dem Auto hingefahren haben, und mir nichts passiert ist! Trotzdem bin ich umso bestürzter über die vielen traurigen Folgen.

Am nächsten Morgen stand der erste Arbeitstag vor der Tür. Da die Kita etwas außerhalb lag, gab es das eben benannte Problem: Kein fließendes Wasser und kein Strom. Dazu kam, dass einige der Mitarbeiter krankheitsbedingt ausfielen, aber auch nur sehr wenige Kinder kamen. Meinen ersten Tag verbrachte ich also in einer dunklen Kita: Kerzenschein im Flur und Büro (In Deutschland wahrscheinlich schwer vorstellbar, dauerhaft offenes Feuer im Flur zu haben J) und ausnahmsweise ohne Zähne putzen und ohne Klospülung. Was für ein unerwarteter Anfang für ein Auslandspraktikum, aber schon am nächsten Tag war der Strom und das Wasser wieder da und alle Rumänen, die ich gefragt habe, sagten mir, dass so etwas hier eigentlich noch nie vorgekommen wäre. Also kann ich mich nach diesem chaotischen Start hoffentlich ohne Einfluss von Naturextremen an das 3. Praktikum machen.

LEKTION Nr.1: Ich lerne daraus, wie unglaublich dankbar man eigentlich für Alltäglichkeiten, wie Strom und Wasser, sein darf!! J

Rebecca Arndt aus der Erzieher*innenklasse E18 absolviert ihr drittes Praktikum als Auslandspraktikum in Rumänien.

 

 

SOR-Aktionstag am 20.09.2017 – Eindrücke

 

Unser diesjähriger Aktionstag »Schule ohne Rassismus/Schule mit Courage« (SOR/SMC) stand ganz im Zeichen der anstehenden Bundestagswahl. So war das Motto dementsprechend »Einmischen-mitmischen-Gesellschaft gestalten“. Es war ein bunter Tag, der viel Gelegenheit zum Nachdenken bot. Hier ein kurzer Überblick über den Tag:

D a s   W a h l l o k a l (von 08.30-15 Uhr)

Wer nicht wählen geht, darf nicht motzen!

 Vier Tage vor der eigentlichen Bundestagswahl konnte bereits in unserer Schule gewählt werden. Dazu hatten sich im Vorfeld die Sozialassistent*innen der Soz 32 intensiv mit dem Thema „Demokratie und Wahlen“ auseinandergesetzt. Es gab ein Wahllokal mit Wahlkabinen. Und es gab Listen aller wahlberechtigten Schüler*innen und Lehrer*innen. Das Ergebnis dieser schulinternen Wahl wichtig eindrucksvoll vom Ergebnis der echten Bundestagswahl ab:

D i e   W o r k s h o p s (von 9.00-12.00 Uhr):

 „Geschlechtergerechtigkeit/Gender Equality als Menschenrecht“

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 kennen, verstehen und vor allem anwenden. Das ist nur ein Ergebnis aus diesem  Workshop. Anna Kolling von Engagement Global gGmbH/Bildung trifft Entwicklung brachte einen Koffer voller spannender  Übungen mit in den Workshop – Übungen zu Geschlechtergerechtigkeit, die zum Nachdenken und zum Weiterdenken anregten. Die Einschränkung der Rechte für Frauen hat bei vielen für Erstaunen gesorgt.  Die Teilnehmer*innen dieses Workshops konnten unter anderem auch von ihren Erfahrungen im Erleben von Geschlechtergerechtigkeit berichten und gängige Rollenbilder diskutieren.

 „Siebdruck-Werkstatt – Vielfalt erleben!“

 

In diesem zweitägigen Workshop führte Mansour Ciss von Engagement Global gGmbH/Bildung trifft Entwicklung die Teilnehmer*innen in Teile der afrikanischen Kultur ein, besonders in die ghanaische Kultur und die dort verwendete Symbolsprache Adrinka. Er erzählte über Esskultur, Mode und Musik, bevor er schließlich die Drucktechniken Schablonendruck und Siebdruck vorstellte. Mithilfe dieser Techniken bedruckten die Teilnehmer*innen des Workshops unsere Campus-Beutel. Alle arbeiteten mit Adrinka-Symbolen und Motiven aus Afrika. Das Zusammenspiel zwischen neuem Wissen über Afrika und Anwenden von Drucktechniken empfanden viele als sehr interessant. Die bedruckten Beutel, allesamt Unikate, konnten danach auf Spendenbasis erworben werden. Alle Spenden gingen an den SoziAl e.V. Förderverein.

 

„Neue Herausforderungen im beruflichen Alltag durch rechtspopulistische Parteien?

Was kann ich tun als Erzieher*in?“

 Populistische Denkweisen sind wieder „in“. Die Schuld an sozialen Missständen wird dabei vor allem sozial niedriger stehenden Menschen zugewiesen. Nicht zuletzt auch den Menschen mit Migrationshintergrund. Leider machen Stereotypen und Vorurteile heutzutage auch nicht mehr vor der Kita halt. Manche Eltern bringen sie dorthin und einige Kinder greifen sie in diskriminierenden und ausgrenzenden Verhaltensweisen auf.  Im Workshop von Frau Eva Prausner vom Projekt ElternStärken tauschten sich die Teilnehmer*innen anhand von Fallbeispielen und Diskussionen über Strategien im Umgang mit diesen neuen Herausforderungen aus. Was können Erzieher*innen tun, wenn ein Kind nicht mit einem anderen Kind aufgrund seines Migrationshintergrundes spielen möchte?

 „Wirtschaft – Arbeit –  Interessen“:

 Marcelo Cardoso vom EPIZ e.V. begann mit der grundsätzlichen Klärung unterschiedlicher, zum Teil entgegengesetzter Interessen von Arbeitnehmer*innen gegenüber Arbeitgeber*innen. Danach simulierten die Teilnehmer*innen durch ein Planspiel Aspekte der Marktwirtschaft. Sie entdeckten dabei die Abhängigkeit der Löhne  von der wirtschaftlichen Entwicklung eines Unternehmens und reflektierten die Auswirkungen von unternehmensbezogenen „Tarifverhandlungen“ auf die eignen Verhandlungsmacht. Auch Fragen des Arbeitsrechts wurden schließlich vertieft, wie z.B. das Verfahren im Tarifkonflikt und das Streikrecht.

„Ölpalmenanbau und Menschenrechte“

Heike Kammer vom Engagement Global gGmbH/Bildung trifft Entwicklung zog mit 16 Jahren in die Welt und wurde eine Menschenrechts-/Friedens-Aktivistin unter anderem auch in Südamerika.

Sie erzählt, wie in Kolumbien Bauern gewaltsam von ihrem Land vertrieben wurden, wie die Armee, unter dem Vorwand regierungsfeindliche Guerillatruppen zu bekämpfen, grausame Morde an den Bauern verübte. Danach seien große Konzerne gekommen, sagt sie, und hatten das Land der Bauern übernommen. Sie bauten Ölpalmen in Monokultur an, um Palmöl zu produzieren – Palmöl, das heute in der Hälfte aller Fertigspeisen und Hygieneprodukte zu finden ist. Riesige Mengen des Palmöls werden zudem für Biosprit in Deutschland benötigt.

Die Konsequenzen sind bestürzend: Menschen, die bisher als Bauern oder im Regenwald leben konnten, verarmen nun in den Städten. Frauen und Mädchen müssen sich prostituieren, Männer arbeiten auf den Plantagen unter sklavenähnlichen Bedingungen. Die einseitige Bewirtschaftung laugt zudem die Böden derart aus, dass bereits nach zwei bis drei Jahren nichts mehr auf ihnen wächst.

Was können wir tun? Wir müssen beim Einkauf auf nachhaltige und faire Produkte achten und wir müssen wissen, dass nicht überall wo „Bio“ draufsteht, auch eine ökologische Lösung geboten wird (Siehe Biosprit).

 „Inklusion – Die große Herausforderung“

Andreas Fischer referierte über die große Herausforderung der Inklusion. Das Thema hatte viele Interessenten, sodass der Raum beinahe zerplatzte. Obwohl der Workshop für einige zu „vortragslastig“ ausfiel, regte das Thema doch sehr stark zum Weiterdenken an. Handlungssituationen mit Inklusionskontexten wurden durchgearbeitet und mit den eigenen Erfahrungen in Verbindung gebracht. Die Teilnehmer*innen wünschten sich im Anschluss auch für ihre Berufsbildung einen Methodenkoffer an die Hand, aus dem sie greifbare Vorgehensweisen für Inklusion schöpfen können.

„Rap für Gerechtigkeit – Rap für Chancengleichheit weltweit“

Florian Steindle von SOR/SMC leitete den Klassiker unter den Workshops. Zuerst tauchten die Teilnehmer*innen über ihre eigenen Erfahrungen mit HipHop in die Geschichte dieser Jugendbewegung ein, um schließlich eigene Raptexte zu produzieren. Diese Texte gaben sie dann vor dem beeindruckten Hofprogramm zum Besten. Immer wieder erstaunlich in welch kurzer Zeit die Teilnehmer*innen derartige Ergebnisse zustande bringen.

„5 Gramm“

Filmpräsentation und Diskussion

Die Auszubildenden der HEP 1 haben sich im Rahmen der Entwicklung eines Theaterstücks mit den nationalsozialistischen Massenmorden an geistig- und körperbehinderten Menschen beschäftigt. Im Mittelpunkt ihres Interesses standen zum einen die Pflegerinnen, die ihre Mitwirkung an den Tötungen rechtfertigen mussten, und zum anderen die Opfer der als „Euthanasie“ getarnten Morde. Im Rahmen dieses Workshops stellten die Auszubildenden ihr Theaterstück, das sie aufgeführt und gefilmt hatten, vor, um es mit den Teilnehmer*innen zu diskutieren. Und in der Tat rief der Film große Betroffenheit hervor und wurde rege diskutiert.

D a s   H o f p r o g r a m m (von 12.00-13.00 Uhr)

 
Auch in diesem Jahr gab es nach den Workshops wieder ein buntes Hofprogramm mit vielen musikalischen Beiträgen unter anderem vom Rap-Workshop, vom Schulchor und vom Akwaba Gospel Choir. Zudem gab es auch wieder flammende Reden für Toleranz und dem Auftrag, die Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Wie schon das ganze Jahr über zeigte sich das Wetter von seiner wechselhaften Seite. Dem Sonnenschein folgte ein kurzer, aber intensiver Regenguss, bevor sich der Himmel wieder klärte. Eisern hielten sich die Teilnehmer*innen des Aktionstages und ließen sich ihre gute Stimmung auch von dieser Wechselhaftigkeit nicht verderben.

  

D a s   B u f f e t (von 13.00 – 14.00 Uhr)

 

 

 

 

Im Anschluss an das Hofprogramm genossen alle das Buffet, welches von Mitarbeiter*innen der Schule zusammengestellt wurde. Zur Hälfte wurde es am Vortag von den Altenpfleger*innen der AP 25 vorbereitet und zur anderen Hälfte kam es aus den heimischen Küchen unserer Schüler*innen. Am frühen Morgen hatten viele Schüler*innen selbst zubereitete Speisen aus den verschiedensten Kulturen in Tupperdosen an einen zentralen Ort gebracht. Diese wurden dann von unseren Lehrerinnen aufbereitet und zusammengestellt. Das herrlich angerichtete Buffet wurde von den Teilnehmer*innen des Aktionstages mit großer Freude und viel Lob verschlungen. Es war der gelungene Abschluss eines gelungenen Tages.

D e r   E v a l u a t i o n s b a u m

Der Erzieher*innen der E 20 und E 22 entwarfen zum Zweck der Evaluation einen sehr kreativ gestalteten blätterlosen Baum. Die Teilnehmer*innen konnten am Ende des Tages ihre Kommentare in Form von Blättern an den Baum hängen. Am Ende des Tages war der Baum dann tatsächlich blätterbehangen und strotzte vor Feedback-Kommentaren.

D o k u m e n t a t i o n

Der diesjährige SOR-Tag wurde von den Sozialassistent*innen der Soz 34 dokumentiert. Dabei ist unter anderem ein Video entstanden, welches unter folgendem Link zu betrachten ist:

Wer, wie, was vorhat? – Gesprächsrunde mit Vertreter*innen politischer Parteien

Am 24. September ist Bundestagswahl und nicht allein aus diesem Grund steht das Jahr bei Campus unter dem SOR-Motto: „Einmischen/mitmischen: Gesellschaft gestalten!“. Wie schon vor vier Jahren, lädt unsere Schule Politiker*innen aus den größten Parteien ein. Sie sollen unseren Schüler*innen zu den Themen „Bildungspolitik“, „Soziales und Gesundheit“ und „Migration“ Rede und Antwort stehen. Zuerst sollen Sie sich positionieren und danach werden sie knallhart befragt. Für schüchterne Schüler*innen wird eine Twitter-Box herumgegeben, in diese ihre Fragen werfen und vorlesen lassen können.

Den Auftakt der Runde machte der Generalsekretär der Berliner FDP, Sebastian Czaja. Er stellte sich gestenreich und tapfer den Fragen der Schüler*innen. Allerdings wirkte er überrascht von der Menge der gestellten Fragen. Nicht auf alles konnte er zufriedenstellend antworten und gab schließlich zu, nicht in allen Themenbereichen Experte sein zu können. Das war ehrlich und wirkte sympathisch. Neben den von uns vorgegebenen Themen, interessierte unsere Schüler*innen besonders die Position zur Mietpreissituation in Deutschland und das Konzept des Bürgergeldes. Die FDP steht weiterhin für Deregulierung und Entbürokratisierung im Sinne eines unkomplizierten Staates. Ob das allerdings bei den derzeitigen Entwicklungen die beste Lösung sei, wurde von unseren Schüler*innen kritisch hinterfragt.

Dr. Laura Dornheim ist Kandidatin der Grünen Liste für die Bundestagswahl. Themenschwerpunkte von Frau Dr. Dornheim sind Digitalisierung und Geschlechtergerechtigkeit zwischen Männern und Frauen. Ihre Positionierung zu den vorgegeben Themen fiel zeitlich knapp aus. Daraus ergab sich aber mehr Zeit für die Fragerunde mit den Schüler*innen. Die Diskussion mit den Schüler*innen umfasste Fragen nach der Mietpreisbremse ebenso wie Fragen nach Konzepten für bessere Arbeitsbedingungen im sozialen Bereich. Laut Frau Dornheim fordern die Grünen grundsätzlich mehr Geld für den sozialen Bereich und eine höhere Besteuerung von „Superreichen“. Man mag gespannt sein, ob dies wirklich in die Tat umgesetzt werden würde.


Im Lauf der nächsten Wochen werden noch weitere Parteien eingeladen: die CDU, die SPD, die Piraten und die Linke. Alle sollen sich in ähnlicher Art und Weise positionieren und sich den Fragen unserer Schüler*innen stellen. Denn es geht uns nicht darum, Werbung für eine spezifische Partei zu machen. Stattdessen wollen wir die Vielfalt in unserer Parteienlandschaft präsentieren und darüber unsere Schüler*innen motivieren, durch ihre Stimme bei der nächsten Bundestagswahl die Gesellschaft aktiv mitzugestalten.

Der eine oder andere mag sich fragen: Huch, da fehlt aber noch eine Partei. In der Tat wurde innerhalb des Lehrer*innenkollegiums recht kontrovers über die Frage diskutiert, ob auch die AfD eingeladen werden solle. Viele empfanden dies als unvereinbar mit unserem Engagement für „Schule ohne Rassismus“ und haben sich deshalb gegen eine Einladung der AfD ausgesprochen. Andere wiederum sehen die AfD als demokratisch wählbare Partei an, die man gleichberechtigt zu Wort kommen lassen müsse. Wir haben uns am Ende demokratisch gegen eine Einladung der AfD entschieden.

Da wir eine kritische Auseinandersetzung mit der AfD und dem damit verbundenen Rechtspopulismus aber dennoch wichtig und notwendig finden, wird Frank Metzger vom apabiz e.V. eingeladen, eine Gesprächsrunde zur AfD zu leiten. Einige kennen Herrn Metzger vielleicht sogar noch von einem Workshop auf unserem letzten SOR-Tag. In jedem Fall dürfen wir gespannt sein auf weitere heiße Gesprächsrunden, die uns hoffentlich dabei helfen, uns ein Bild von der Parteienlandschaft in Deutschland zu machen.

Rückblick auf den Kinotag in der Campus Berufsbildung e.V.

Es ist der 02.03.2017 um 8.30 Uhr in Schöneberg. Vor dem schlichten Kinobungalow mit dem Neonschriftzug Odeon versammeln sich mehr und mehr Schüler. Sie frösteln etwas, da der Zeitpunkt des Treffens von der Kino-AG auf eine Stunde vor dem Filmbeginn gelegt wurde. Das stößt bei der aktuellen Wetterlage nicht bei allen auf Begeisterung.

Als das Kino um 9 Uhr seine Pforten öffnet, werden es insgesamt 150 Schüler sein.

Das Kino mit der überraschend breiten Kinoleinwand bietet Platz für 359 Besucher. Es ist fast halb gefüllt, als die Kino-AG die Schüler über den Ablauf nach dem Film informiert. Die Kino-AG ist eine Arbeitsgemeinschaft aus Schülern verschiedener Klassen, die freiwillig die Aufgabe übernommen haben, diesen Kinotag zu planen. Alle Schüler und Lehrer sollen am Ende des Filmes das Kino nur durch einen Eingang verlassen, sagen sie, und alle sollen ein farbiges Los entgegennehmen. Sie sind noch gar nicht richtig fertig mit dem Erzählen, als sich das Licht verdunkelt und der Film beginnt – „Die Blumen von gestern“.

Der Film provoziert schnell die ersten Lacher. Doch so einfach ist es nicht. Im Anschluss ergeben sich direkt die ersten Diskussionen. „Wie fandst Du den Film?“ „Ich weiß nicht.“ „Und Du?“ „Ich fand ihn richtig gut.“ „Und Du?“ „Oh, ich fand ihn ganz fürchterlich!“ Der Film polarisiert. Doch das kann ja auch fruchtbar sein für die anschließenden Workshops.

Nach dem Film begeben sich Schüler und Lehrer wieder in die Geneststraße und sind gespannt, was sie erwartet. Die Kino-AG hat das weitere Vorgehen etwas mysteriös gehalten. Die Workshops sind in Farben aufgeteilt. So gibt es Räume, deren Türen farblich markiert und mit einer Impulsfrage ausgestattet sind. Jeder Schüler und Lehrer weiß nun, wohin er oder sie gehen muss, da am Ende des Kinofilmes farbige Lose verteilt wurden. Die Workshops werden von Mitgliedern der Kino-AG moderiert. Es wird rege und manchmal sogar hitzig diskutiert und es entstehen Plakate, die am Ende des Tages im Schulkorridor ausgestellt werden:


Die Mitglieder der Kino-AG sind stolz auf das, was sie bewerkstelligt haben. Und das können sie auch. In einer Abschlusssitzung reflektieren sie den Tag unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sie lassen sich nicht in die Karten gucken, überlegen aber bereits, was sie beim nächsten Kinotag besser machen können.

Wir sind in jedem Fall gespannt und sagen Danke an die Film-AG für die Planung und Danke an Herrn Eberhardt für die Unterstützung der Kino-AG.

Schule im Kino – Interview über die Arbeit der Film-AG

Ich sitze mit Nancy in der Küche. Nancy ist Auszubildende der Sozialassistenz und nun die „Medienbeauftragte“ der Film-AG. Die Film-AG ist eine Gemeinschaft von Schüler*innen verschiedener Klassen aus allen Ausbildungsbereichen der Campus Berufsbildung e.V. am Standort Südkreuz.
Freiwillig haben sie die Planung des Kinotags am 02.03.2017 übernommen.
Film-AG bei der Plaunung des Kinobesuchs
Die Zusammenarbeit in dieser Gruppe sei erstaunlich gut, sagt Nancy. Es gebe eine Vielzahl an guten Ideen und anregende Diskussionen über diese Ideen. Viele scheinen auch bereits Erfahrungen in der Organisation von Ereignissen gemacht zu haben. Man streite sich kaum und auch die Abstimmungen verliefen bisher problemlos.

Besonders erfreulich sei, sagt sie und lächelt dabei, dass kein/e Lehrer*in dazwischen quatsche. Das sei mal etwas anderes, was man ruhig öfter machen könnte.

Ich frage Nancy, wie die Film-AG auf den Film „Die Blumen von gestern“ gekommen sei. Nach einer kurzen Recherche im Kino-für-Schulen-Programm der Yorck-Kinogruppe, erinnert sie sich,  habe man sich sehr schnell auf diesen Film geeinigt. Ein Film, der sehr interessant, aber auch schwierig sein soll. Nancy sagt, dass sie sehr gespannt sei, wie die Schüler*innen den Film aufnehmen werden.

Es gebe natürlich auch Kritik im Vorhinein. Einige hätten sich darüber beschwert, dass die Schüler*innen den Eintritt selbst bezahlen müssten, obwohl durch Unterstützung des Fördervereines SoziAL e. V. der Unkostenbeitrag auf 2,-€ pro Schüler*in gesenkt werden konnte.

Auch die Auswahl des Films sei nicht von allen wohlwollend aufgenommen worden.  Aber von derartiger Kritik möchte sich die Film-AG nicht entmutigen lassen.

Nach unserem Gespräch, sagt Nancy, werde sich die Film-AG wieder zusammensetzen und die Workshops planen, die im Anschluss des Films stattfinden sollen. Das Kino-für-Schulen-Programm stelle zu jedem Film ein umfassendes Begleitmaterial zur Verfügung, das man nun für die Schüler*innen aufbereiten müsse.

Natürlich sei die Zeit sehr knapp, die die Film-AG von der Schule zur Verfügung gestellt bekommt. Das könnte man in Zukunft verbessern, sagt Nancy, aber ansonsten findet sie ihre Aufgabe sehr spannend und würde jederzeit wieder freiwillig eine solche übernehmen.

Sebastian Wala

Sammelaktion für die Kältehilfe der Berliner Stadtmission

Es ist nur eine geschätzte Zahl, aber sie ist traurig und alarmierend: In Berlin haben ca. 10.000 Menschen keine Wohnung, d.h. sie leben auf der Straße. Die damit verbundenen Probleme sind vielfältig und werden im Winter lebensbedrohlich!

Die Berliner Stadtmission, die seit 1877 existiert und die heute Trägerin verschiedener sozialer Einrichtungen ist, kümmert sich um die Frauen und Männer, indem sie ihnen im Rahmen der Kältehilfe Notübernachtungsplätze anbietet, mit zwei Kältebussen unterwegs ist, um Menschen vor dem Erfrieren zu retten, und eine (ehrenamtliche) ärztliche Betreuung bereitstellt. Bei dieser Arbeit ist sie auf Spenden angewiesen, da weder vom Bund noch vom Land Berlin genügend finanzielle Mittel bereitgestellt werden, um diesen Menschen wirkungsvoll zu helfen.

 Die Soz 24 wollte ihre Sozialassistentenausbildung mit einer unterstützenden Aktion abschließen und entschloss sich, eine Sammelaktion für alle Klassen des Standorts Südkreuz zu starten. Diese war durchaus erfolgreich, so dass wir uns am 26. Januar, bepackt mit Umzugskartons voller Kleidung und vielen Tüten voller Lebensmittel und Hygieneartikel, zum Zentrum der Stadtmission in der Lehrter Straße 68 aufmachen konnten. Dort empfing uns Frau Rogasch, die für die Öffentlichkeitsarbeit der Stadtmission zuständig ist, und informierte uns anschaulich und umfassend über die Arbeit der Kältehilfe. Dabei erfuhren wir, dass in der Wintersaison jeden Abend bis zu 200 Menschen vor der Tür der Stadtmission stehen und darauf warten, eine warme Mahlzeit und einen Notübernachtungsplatz zu erhalten. Obwohl eigentlich nur 120 Schlafplätze vorhanden sind, weisen die Mitarbeiter_innen niemanden ab und zeigen sich in ihren Bemühungen, allen einen Platz anzubieten, sehr kreativ.

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Bild 0

 Frau Rogasch führte uns dann in die Räumlichkeiten (Bild 0), die für uns, die wir eine kuschelige Wohnung haben, nicht gerade einladend wirken. Für diejenigen Frauen und Männer, die sonst in einem Schlafsack draußen bei Minustemperaturen übernachten müssen, dürfte das anders sein.

Bild 1

Bild 1

 

Bild 2

Bild 2

Nach einem Sicherheitscheck nehmen sie auf einfachen Bierbankgarnituren ihr Essen ein (Bild 1+2), haben die Gelegenheit zu duschen und erhalten einen Schlafplatz, der aus einer Isomatte und einfachem Bettzeug besteht (Bild 3).

Bild 3

Bild 3 – Schlafplätze

Besonders berührend war ein im Speisesaal aufgestelltes Gedenkkreuz, an dem Zettel befestigt sind, die an verstorbene Wohnungslose erinnern (Bild 4). Das verbreitete Vorurteil, dass in diesem ‚Milieu‘ jede/r nur an sich denkt, wird spätestens hier nachhaltig erschüttert!

Bild 4

Bild 4

 Frau Rogasch berichtete während der Rundgangs über die psychischen und physischen Erkrankungen, die bei den meisten Wohnungslosen vorhanden sind, über die Suchterkrankungen und die Gefühle des Ausgegrenzt-Seins, über die Angebote der Stadtmission, die das Ziel einer Wiedereingliederung in die Gesellschaft haben, und über die Erfolge und Misserfolge, die diese Arbeit mit sich bringt.

 Die Schüler_innen der Soz 24 (und auch ihr Klassenleiter) waren beeindruckt und betroffen! Vielleicht wird die eine oder der andere den um Kleingeld bettelnden Menschen in der U-Bahn jetzt mit anderen Augen sehen und öfter mal ein paar Cent erübrigen. In unserem abschließenden Gespräch waren wir uns jedoch einig: Sammelaktionen wie diese sollten regelmäßig stattfinden, denn der Bedarf in diesem Bereich ist immens! Und solange die Politik Geld für Pannenbaustellen (Flughafen) und Prestigeobjekte (Staatsoper, Stadtschloss) verschwendet, ist unsere Spendenbereitschaft leider unerlässlich!

 Rüdiger Loeffelmeier

Grausame Geschenke

Grausame Geschenke

Der Deutsche Tierschutzbund und die Tierschutzorganisation ‚Vier Pfoten‘ haben bei einer deutschlandweiten Untersuchung festgestellt, dass Winterkleidung wie Mützen, Handschuhe und Jacken, in der angeblich nur Kunstpelz verarbeitet wurde, dennoch Echtfell enthält. Da diese Produkte zumeist sehr preiswert sind, vermuten die Organisationen, dass die hier verarbeiteten Felle von Hunden und Katzen stammen, die in China unter grauenvollen Bedingungen gehalten und getötet wurden und deren Fell illegal nach Europa gelangte (https://www.vier-pfoten.de/themen/wildtiere/pelz/pelzkennzeichnung/).

Wer sicher sein möchte, dass Kleidung ohne Tierquälerei hergestellt wurde, sollte komplett auf jegliche Fellbestandteile verzichten! Und wer zu Weihnachten mit einem solchen Kleidungsstück beschenkt wird, kann dieses sicher problemlos umtauschen!

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

Rüdiger Loeffelmeier

Projektorientierter Unterricht in der Campus Berufsbildung e.V.

Im Rahmen des Fachunterrichtes wird am Standort Südkreuz häufig projektorientiert unterrichtet. Hier sind einige Beispiele:

suppen-aus-verschiedenen-kulturen

Die Sozialassistenten*innen der Soz24 haben an einem Projekttag im Lernfeld 3 „Suppen aus verschiedenen Kulturen“ recherchiert und dazu auf ansprechenden Plakaten Rezepte visualisiert. Danach haben sie die Suppen zubereitet und mit diesen schließlich unsere Schüler*innen und Mitarbeiter*innen verköstigt. Aufgrund eines sehr fairen und erschwinglichen Preises für die Suppen, war es eine gute Gelegenheit für die Klasse, ihre eigene Klassenkasse etwas aufzubessern.

mathematische-angebote

An einem Projekttag im Rahmen des Mathematikunterrichtes stellten sich die Sozialassistenten*innen der Soz23 die Frage: „Wie können wir Kindern mathematische Kenntnisse vermitteln?“. Nachdem sie sich Gedanken über die Frage gemacht und erste Konzepte entworfen hatten, fertigten sie sehr ansprechende mathematische Materialien an und erläuterten die Arbeit mit diesen Materialien.

kartoffelfest-im-seniorenheim

Die Altenpfleger*innen der APb10 planten und veranstalteten in einem Seniorenheim passend zum Herbst ein Kartoffelfest. Eine Auszubildende beschreibt die Idee wie folgt: „Der Gedanke war, dass sich die Bewohner mit Freude an die Erntezeit der Kartoffel erinnern können, an die schöne Zeit daran sowie auch an die beschwerliche Zeit. Da die Kartoffel damals wie heute ein Grundnahrungsmittel war, war die Idee, den Geschmack der Bewohner mit verschiedenen Kartoffelgerichten wie Süßkartoffeln, Kartoffelsuppe, Kartoffelsalat, Folienkartoffeln mit Sauercreme und Kartoffelpuffern anzuregen.“

grundgedanke-von-nohl-und-buber

Die Erzieher*innen der E20 sollten jeweils eine Wandzeitung zur Veranschaulichung der Grundgedanken von Martin Buber und Herman Nohl und deren Bedeutung in der pädagogischen Beziehungsgestaltung entwerfen. Eigentlich eine relativ typische Aufgabe im Fachunterricht, doch die Ergebnisse konnten sich sehen lassen. Sehr liebevoll, mit einem künstlerischen Gespür entstanden großartige Wandzeitungen.

Projekt - Halloween-treats

Im Rahmen des Englisch-Unterrichts haben sich die Sozialassistent*innen der Soz 23 mit kulinarischen Aspekten des Feiertages Halloween auseinandergesetzt. Sie haben nach kanadischen Rezepten gekocht und gebacken. Dabei lernten sie spielerisch viele praxisbezogene Vokabeln und zudem, was man alles aus Kürbissen machen kann . So gab es „pumpkin pie“, „pumpkin soup“, „orange yoghurt pancakes“, und „pumpkin dumplings“.

Die hier dargestellten Eindrücke aus den einzelnen Fachunterrichten am Standort Südkreuz sind nur ein Ausschnitt tatsächlich stattfindender Projekte oder projektorientierter Unterrichtsformen. Wir sind gespannt, welche Projekte in Zukunft noch entstehen werden.

Babyn Jar – Zur Aktualität eines Kriegsverbrechens

Vor beinahe genau 75 Jahren ermordeten deutsche SS-Truppen mit Unterstützung der Wehrmacht nahezu 40.000 Juden in einer Schlucht in der Nähe von Kiew/Ukraine. Unter den Ermordeten befanden sich viele Frauen und Kinder. Zurzeit erinnert eine Ausstellung der Berliner Stiftung ‚Topographie des Terrors’ an diese und zahlreiche andere Massenerschießungen im Zeitraum 1941 bis 1944 auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion. Da die damaligen Täter perfide genug waren, ihre Taten auch noch zu fotografieren, sind diese Massenmorde gut dokumentiert.

Eine Fotoserie von einer solchen Massenerschießung wurde von dem deutschen Polizisten Gustav Hille aufgenommen. Auf den Fotos zu sehen ist der Ablauf der 1942 durchgeführten Erschießung einer Gruppe von jüdischen Frauen und Kinder, die aus der Kleinstadt Misotsch (damals Polen, heute Ukraine) stammten. Man sieht, wie sich die verängstigten Menschen ausziehen müssen, wie sie dicht aneinander in einer Reihe stehend auf ihre Erschießung warten und wie schließlich zwei Männer mit Gewehren über die toten, nackten Körper der Frauen und Kinder gehen, um etwaige Überlebende zu erschießen. so-starben-die-juedischen-frauen-von-mizocz
Quelle: picture alliance / CPA Media Co.

Ein Detail des letzten Fotos hat mich besonders erschüttert. Man sieht dort den Körper eines etwa vierjährigen Kindes, das tot auf dem Bauch liegt. Unmittelbar neben ihm liegt eine Frau, vermutlich die Mutter des Kindes, die ihren linken Arm auf den Rücken des Kindes gelegt hat, so, als wollte sie ihr Kind vor der tödlichen Kugel beschützen. Die Ausweglosigkeit dieses letzten Versuchs, das Leben des Kindes zu retten bzw. ihm kurz vor dem sicheren Tod noch ein verzweifeltes Gefühl des Schutzes zu vermitteln, rührte mich zutiefst und lässt mich nicht mehr los.

 Diese Fotos sind über 70 Jahre alt, sie besitzen aber dennoch auch in der Gegenwart eine wichtige Bedeutung. Einerseits mahnen sie uns, die Gräueltaten, die in der Zeit des Nationalsozialismus von Deutschen begangen wurden, niemals zu vergessen. Andererseits fordern sie uns dazu auf, solche Verbrechen niemals wieder zuzulassen oder zu dulden.

 Beide Appelle scheinen jedoch heutzutage immer weniger wirksam zu sein. Das sich immer mehr ausbreitende rechtsextremistische Gedankengut von Pegida, NPD, AfD und Co. tendiert dazu, die nationalsozialistische Vergangenheit zu verleugnen oder sogar zu verherrlichen. Noch ist dies nur eine Minderheit in Deutschland. Gleichzeitig aber schauen wir, also die Mehrheit, hier und heute tatenlos dabei zu, wie jeden Tag immer wieder Menschen in Syrien und in anderen Kriegsgebieten ermordet werden. Bilder von getöteten oder schwer verletzten Kindern rütteln uns zwar immer wieder auf und führen zu Betroffenheit, die großen Demonstrationen gegen dieses sinnlose Morden haben aber bislang nicht stattgefunden.

 Woran liegt das? Sind uns diese Kriege und das damit verbundene Sterben egal? Sind wir abgestumpft durch die vielen schrecklichen Meldungen? Oder sind wir einfach zu bequem, auf die Straße zu gehen und ein Ende des Mordens zu fordern?

 Der zu erwartende Einwand, dass die Politik ja doch nicht auf die Demonstrant*innen hört, mag berechtigt sein. Die Vorstellung aber, dass an jedem Wochenende in vielen deutschen Städten zigtausend Menschen beharrlich für Frieden und ein Ende des Mordens demonstrieren, könnte diesen Einwand aber durchaus entkräften. Es käme halt auf einen Versuch an. Aber wahrscheinlich sind wir doch zu bequem, der Mutter, die ihr Kind vor der tödlichen Kugel schützen will, zu helfen.

Rüdiger Loeffelmeier

 P.S.: Die erwähnten Bilder sind zu finden unter https://www.welt.de/geschichte/article158435562/Tausendfacher-Mord-als-Alltag-und-Belustigung.html