Heilerziehungspflegerin werden. Inklusion unterstützen.

»Ein authentisches Miteinander« – Eine angehende Heilerziehungspflegerin erzählt…

Pia Janthur ist Auszubildende unserers ersten Kurses im Ausbildungsgang Heilerziehungspflege, HEP 1. Sie hat mit uns über ihre Motivation gesprochen, die Ausbildung zu beginnen, über ihre Freude am Beruf, über die Rolle der Sprache im Umgang mit Menschen mit Behinderung und über ihre persönliche Haltung und Wünsche zum Thema Inkulsion. Ein erfrischendes und informatives Gespräch mit einer interessanten Frau – zum Nachhören und Mitlesen… Danke, Pia Janthur!

Ich freu mich sehr, dass ich heute mit einer TeilnehmerIn aus unserer ersten Heilerziehungspflege-Klasse sprechen kann. Würden Sie sich ganz kurz vorstellen?

Pia Janthur: Ja. Mein Name ist Pia Janthur, ich bin 45 Jahre und seit Februar 2015 in der Ausbildung für den Heilerziehungspfleger.

Weshalb Heilerziehungspflege?

Pia Janthur: Ich arbeite seit 2009 bei ›Ambulante Dienste‹, speziell mit körperbehinderten Menschen als Assistentin und wir haben über unsere Firma das Angebot bekommen, diese Ausbildung zu machen. – Und da habe ich mir gedacht, »Das ist es!«, weil ich eben in dem Bereich keine Ausbildung habe, also ich bin Quereinsteigerin in dem Beruf und arbeite seit sechs Jahren mit dem, was ich über ›Ambulante Dienste‹ gelehrt bekommen habe und natürlich aus der Praxis und mir fehlt einfach die Ausbildug dazu. Das war die Chance und die habe ich halt genutzt.

Das heißt, Sie haben auch das Gefühl, »Ich will mehr wissen, ich brauche mehr Hintergrund, um dann auch andere Aufgaben übernehmen zu können, oder?«

Pia Janthur: Also zum Beispiel, um andere Aufgaben übernehmen zu können, aber auch, um bestimmte Krankheitsbilder zu verstehen, ja, um mich einfach fachlich kompetenter zu schulen und fit zu machen.

Sie sagen, seit 2009 arbeiten Sie bei ›Ambulante Dienste‹, wir haben jetzt 2015 – das heißt, Sie sind schon sechs Jahre tätig in dem Bereich… Sie müssen sich da wohl auch ganz sicher sein, dass es das Richtige ist. Können Sie sagen, was für Sie das Arbeiten mit Menschen mit Behinderung erfüllt macht oder ausmacht?

Pia Janthur: Also, in erster Linie, dass ich gebraucht werde. Zum anderen ist es halt auch – wie ich es jetzt über die Jahre erfahren habe – ein absolut authentisches Miteinander. Da geht es um Wahrhaftigkeit, da geht es um Ehrlichkeit, da geht es um ›So-Sein‹ wie gerade der Zustand ist. Und ich kann für mich dann sagen, ok, ich kann damit oder nicht. Es gibt sicherlich auch Situationen, da komme ich an meine Grenze… Aber das mitzubekommen und zu sagen ›hier ist Stop‹, das war halt auch ein totaler Lernprozess, der mir auch in meinem privaten Leben, das ich ja außerhalb von dieser Arbeit auch noch führe, total geholfen hat: Mich selbst abzugrenzen und auch ganz klar zu sagen ›das will ich nicht‹.

Unter diesem Aspekt war das eigentlich ein Geschenk, dass diese Arbeit zu mir gekommen ist, weil ich aus einem völlig anderen Bereich komme. Ich komme aus dem knallharten Marketing, aus dem knallharten Verkauf und meine private Situation als alleinerziehende Mutter hat mir diese Form von Arbeit gebracht.

Das war halt schwierig, mit zwei kleinen Kindern Arbeit zu finden und eine Bekannte von mir hat gesagt »Hey, ›Ambulante Dienste‹ sucht, mach doch!« Ich habe dann aber auch ein Jahr gebraucht, um mich zu entscheiden. Das war nicht einfach mal so ›Ich mach das…‹ Aber: Es ist meins!

Sie haben eben gesagt, »im Kontakt zu den Menschen, die ich unterstütze, ist das ein authentisches Miteinander« und es sei gar nicht so gewesen, dass Sie von Anfang an mit Feuer und Flamme da hineingegangen sind, sondern dass es auch ein Prozess war, da hineinzuwachsen. Wenn jetzt jemand überlegt: Ist Heilerziehungspflege vielleicht etwas für mich – gibt es etwas, das Sie jemandem raten würden, der da einfach auch noch unsicher ist?

Pia Janthur: Also, ich glaube, wichtig ist, sich einfach Möglichkeiten zu suchen, mit gehandicapten Menschen in Kontakt zu kommen und das sind ja nicht immer unbedingt geistig Behinderte, sondern es kann eigentlich jeden von uns treffen, wenn wir einen Unfall haben oder wenn wir eine bestimmte Krankheit haben. Ja, den Mut zu haben, solche Menschen, wenn man ihnen begegnet, einfach anzusprechen – in der S-Bahn, in der U-Bahn, in öffentlichen Verkehrsmitteln und auf der Straße hat man ja eigentlich oft die Gelegenheit. – Und dann zu gucken, was das macht. Also, das kann schief gehen, dass der Rollstuhlfahrer sagt, »Ha, was willst denn Du von mir«, aber meinstens passiert das nicht. Dass man einfach den Mut hat, diese Schranke, die man da in sich trägt, auflösen möchte und sich selbst auf den Weg macht.

Wer sich also für den Beruf interessiert, dem würden Sie also raten erstmal zu gucken, die persönliche Umgebung anders wahrzunehmen, Leute anzusprechen… Das ist vielleicht auch noch so ein Punkt – ich bemerke immer wieder in der U-Bahn oder so, dass wenn jemand mit Handicap einsteigt, aussteigt oder bereits drin ist in der Bahn, dass Leute einerseits neugierig zu sein scheinen und eigentlich gerne gucken würden und andererseits… – also: entweder es wird geglotzt oder es wird kollektiv ignoriert. Das ist mein Eindruck.

Pia Janthur: Naja, also unsere Arbeit ist da ja die, den Weg freizumachen und das zu unterstützen. Von daher ist die Position als Assistent klar. Also ich mache im Bus, wenn genau dieser Platz besetzt ist, ne klare Ansage, dass der bitteschön freigemacht werden soll. – Das ist jetzt so ein kleines Beispiel. Und wenn ich privat unterwegs bin, dann beobachte ich das schon! Also gerade gestern, da hatte ich zwei Rolli-Fahrer in der S-Bahn und da gucke ich schon, ob die versorgt sind – im Sinne, ob der Fahrer kommt und die rauslässt oder ob jemand in der Nähe ist oder ob sie selbst rauskommen. Also das ist irgendwie schon drin, dass ich da gucke und wenn jemand Hilfe braucht, dann würde ich immer helfen. Und ich glaube, da habe ich eine Vorbildwirkung: Also dass die Leute mitbekommen, »OK, mit den Menschen kann man einfach ganz normal umgehen«. Und das verändert sich ja auch. Also ich meine, es gab Zeiten, da kann ich mich nicht daran erinnern, dass ich da viele Rollifahrer auf der Straße gesehen hätte. Und das verändert sich, weil sich eben auch in der Behindertenbewegung ganz viel bewegt und die gehandicapten Menschen viel in Bewegung sind und darauf aufmerksam machen und das öffentlich machen und ich finde, das ist da so ein Geben und Nehmen.

Da mir schon aufgefallen ist, dass Sie von ›gehandicapten Menschen‹ sprechen oder von ›Menschen mit Handicap‹ – Welche Rolle spielt eigentlich die Sprache in der Bezeichnung von und im Umgang mit – ja, was sage ich jetzt – Menschen mit Behinderung?

Pia Janthur: Also ich gehe immer so vor, ich frage den Menschen selber. Also meine Assistenznehmerin, die habe ich ganz klar gefragt, wie sie bezeichnet werden möchte, weil ich immer herumeiere. Und sie hat mir ganz klar gesagt »Ich möchte als gehandicapt eingestuft werden und nicht als behindert.« Und dann gibt es wiederum, die sagen »Hey, ich habe mit der Bezeichnung überhaupt keine Schwierigkeiten. Das ist für mich immer individuell. Wenn ich irgendwie mitbekomme, dass derjenige das nicht toll findet, dann würde ich ihn einfach fragen, wie er sich gern bezeichnen lassen würde, – auch um Worte dafür zu finden! Ich muss ja nicht ein Wort erfinden, das mit der Person nichts zu tun hat. Also politisch wird da ja oft Worte kreiert, mit denen die Leute, die es betrifft, nix mit anfangen können. Also das finde ich immer schwierig. Ich frage lieber direkt.

Ist das so, dass die Leute in der Regel froh darüber sind, gefragt zu werde oder ist das nicht eigentlich auch eine komische Frage… Haben Sie da mal Situationen erlebt, die schwierig waren?

Pia Janthur: Nein, eigentlich nicht. Bei uns ist die Bezeichnung für die gehandicapten Menschen klar, das sind Assistent-Nehmer und wir sind die Assistenten. Und wenn ich mal wirklich nicht weiß, wie ich mich am besten ausdrücke, dann sage ich »Das ist mein Assistent-Nehmer« und ich bin aus der Nummer raus (lacht). Und privat – ich habe nie Schwierigkeiten gehabt, zu fragen. Das hat, glaube ich, auch mit jedem selber zu tun und ob man sich das traut.

Ich habe für mich so das Wort von ›inklusive‹ aus der Inklusion gemacht. Ja, ›all inklusive‹! Und das sagt eigentlich alles (lacht).

Sie sind seit Februar dabei. Gibt es Dinge, von denen Sie sagen können, dass Sie sie aus der Ausbildung schon mitgeommen haben?

Pia Janthur: Ja, da gibt es viele Dinge. Zum Beispiel so Spiele, die wir kennen, so abzuwandeln und Ideen zu entwickeln, dass man dann da auch einen Körperbehinderten oder einen geistig Behinderten dran teilhaben lassen kann. Sport und Spiel, die fallen mir halt ein, weil die auch Spaß machen. Aber auch Teamarbeit und Biographiearbeit, das sind so Sachen… Also ich merke, die Dinge, die wir hier lernen, die machen wir eigentlich schon im Alltag. Also die machen wir einfach, ohne zu wissen, dass es eine Betitelung hat und jetzt kriegen wir sozusagen die Ordnung in dem System mit. Also wo im Prinzip, das, was wir ohnehin machen, zum Beispiel auch Pflege unserer Asststentnehmer, also da einfach nochmal die Feinheiten mitzubekommen oder eben halt Wissen. Wie das entstanden ist, woraus es entstanden ist… So ist mein persönliches Interesse immer: Wie die Dinge sich entwickeln, wo sie herkommen, warum es sie gibt… Für manche Dinge gibt es nicht unbedingt eine Antwort, aber in dem Fall schon, da habe ich in dem halben Jahr ganz viel mitgenommen. Klar!

Gibt es da ausbildungstechnisch noch etwas, auf das Sie sich freuen, weil Sie wissen, dass es noch kommt? Ein Inhalt oder ein Wechsel im praktischen Bereich?

Pia Janthur: Also ich freue mich auf Anatomie. Und wir haben jetzt gerade wieder Pharmakologie und Medikamentenlehre gehabt und da fehlt mir einfach das Wissen. Für diesen biologisch-wissenschaftlichen Hintergrund. Oder zum Beispiel auch so dieses neurologische System im Körper, damit man einfach auch die Behinderung ein stückweit versteht…

Wenn Sie sich was wünschen dürften von, sagen wir mal, ›Der Gesellschaft als Ganzes‹ in Bezug auf ›So-kann-Inklusion-gelingen‹… – Was würden Sie sich wünschen?

Pia Janthur: Wie soll ich das sagen… Also die meisten Menschen haben ja schon eine Blockade, wenn es um Behinderung geht. – So habe ich zumindest manchmal das Gefühl. Aber, jeder hat schon mal irgendwas gehabt, wo er im Leben mitbekommen hat, dass es nicht mehr so gut geht – sei es dass man einen Hexenschuss hat oder ein Bein gebrochen… – das heißt, es geht alles langsamer und es geht alles keine Ahnung… Und eigentlich ist das nicht dramatisch, aber wir sind eben auch nicht daruaf eingerichtet. Auch das Schulsystem ist nicht darauf aufgebaut. Und da würde ich mir wünschen, dass auch die Lehrer besser unterstützt werden. Denn die können es ja auch nur so gut machen wie sie es können. Also ich will da niemanden angreifen. Oder auch diese Möglichkeit, dass mal die großen gehandicapten Menschen in die Schulen gehen und dass da Aufklärung betrieben wird. Also, dass da einfach dieser Austausch besser funktioniert. Und dass man einfach mehr Möglichkeiten hat, in Einrichtungen zu gehen und dass da Veranstaltungen stattfinden, wo alle dran beteiligt sind.

Und dann fängt es ja schon mit so lapidaren Dingen an wie damit, dass die Rollstuhlfahrer überall reinkommen. Die sind ja schon gehandicapt, weil die baulichen Voraussetzungen gar nicht gegeben sind. Da würde ich mir wünschen, dass das besser wird.

Straßenbahnen fallen mir noch ein. In Marzahn fährt immernoch eine Straßenbahn mit Treppen. Wie kann das 2015 sein? Also das muss dann ein Rolli-Fahrer oder eine alte Dame, die da nicht hochkommt, – die alten Menschen gehören für mich auch dazu. Da wünsche ich mir einfach, dass da in der Gesellschaft mehr darauf geachtet wird.

Das bedeutet in der Summe wohl: Offenheit und Barrierefreiheit würden schon mal Raum schaffen, um Perspektiven zu verändern und Leuten Zugang zu verschaffen… Gibt es etwas, das Sie gern noch sagen würden und ich habe Sie nicht danach gefragt?

Pia Janthur: (Lacht) Nee. Ich bin einfach total dankbar, dass diese Ausbildung zu mir gekommen ist. – Weil: Es ist meine. Das kann ich einfach so sagen. Ich hoffe einfach, dass es noch viele, viele HEP-Klassen hier an dieser Schule geben wird. Denn es ist einfach wichtig, dass geschultes Fachpersonal nach außen tritt und diese Inklusion unterstützt, unter diesem Aspekt. Doch, das würde ich noch sagen wollen…

Pia Janthur, ganz vielen Dank und viel Erfolg für Ihre weitere Ausbildung!

Pia Janthur: Ja, dankesehr.

Foto_HEP

Pia Janthur beim Klettern mit ihrem HEP-Kurs.

Interview: BC.

Die veröffentlichten Beiträge aus Interviews spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Campus-Berlin-Blog-Redaktion, sondern geben die Auffassung des jeweiligen Interview-Partners wieder.

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