Mein Praktikum in Plymouth

Franziska Kopatz befindet sich im dritten Ausbildungsjahr zur Erzieherin bei Campus. Die letzten fünf Monate hat sie genutzt, um ihr Praktikum in Plymouth, Südengland zu absolvieren. Einige ihrer Erfahrungen teilt sie mit uns hier im Blog.

Plymouth

„Ich schließe die Augen, atme tief ein und sehe die Weiten des Ozeans, fühle die frische Brise der Küstenluft und höre das Wellenrauschen entlang der Klippen…“

Mein Zuhause

Die letzten fünf Monate hieß mein Zuhause Südengland. Genauer noch die Beatrice Avenue im wunderschönen Plymouth. Dort lebte ich in einer Gastfamilie und teilte mir das neue Heim mit immer wechselnden, vielseitigen Menschen, aller Herren Nationen. Ruhig war es in diesem Haus eigentlich nie. Viele verschiedene Sprachen hallten durch die Räume oder die Stimmen der Kinder und Enkelkinder.

Lorraine und Bob sind ein Ehepaar, welches bereits seit über 20 Jahren immer wieder Schüler, Studenten und Weltreisende zu sich aufnimmt. So ein langer Aufenthalt wie ich ihn bei ihnen verbracht habe ist allerdings selten. Weswegen ich nach einer gewissen Zeit auch den Titel der „German daughter“ bekam. Sicherlich lag dies auch daran, dass Lorraine und ich uns sehr gut verstanden und wir einige Gemeinsamkeiten teilten, wie das vegetarische Leben. Wir unterhielten uns nahezu zu jedem Abendessen über die verschiedensten Themen, lachten und weinten (beinahe) miteinander und natürlich kam es hin und wieder auch zu kleinen Reibereien. Alles hatte eine sehr familiäres Flair, wofür ich sehr dankbar war! Ebenso über die vielen Freiheiten, welche mir Lorraine und Bob gaben. War es dann ich einmal nicht zum Abendessen erschienen bin, übers Wochenende einen Ausflug geplant oder das Nachtleben in Plymouth erkundet hatte. Solange ich den beiden frühzeitig Bescheid gab, war dies absolut kein Problem. Im Gegenteil, sie freuten sich, wenn ich raus aus dem Haus war, um die Welt zu entdecken. Für mich waren Lorraine und Bob auf jeden Fall ein absoluter Glückstreffer!

 Meine Arbeit und einige Verwunderungen

Von der Beatrice Avenue aus ging es jeden Morgen zu Fuß entlang der alten Kirche, über die Brücke einer still gelegenen Bahnstrecke zu meiner Arbeit in der „Roundabout Nursery“ im „Plymouth Christian Center“. Die Arbeit in dieser englischen Kita verlief, verglichen zu Deutschland, ein wenig anders. Allem voran ist es allgemein eher unüblich sein Kind jeden Tag in die Kita zu bringen. Viele der Kinder besuchen die Einrichtung durchschnittlich nur zwei bis drei Mal die Woche, was mit dem Sozialsystem der englischen Regierung zu tun hat. Für mich war es deswegen gerade in der ersten Zeit schwierig den Kontakt zu den Babys und Kindern aufzubauen. Nach wenigen Wochen war von den kleinen Startschwierigkeiten allerdings gar nichts mehr zu spüren.

Manche Handlungsweisen der englischen Erzieherinnen waren für mich sehr befremdlich und haben mich einige Male sogar erschrocken. Beispielsweise wurde bereits mit den Kleinsten sehr schroff umgegangen und eine starke Disziplin und Selbstbeherrschung von ihnen verlangt. Ebenfalls war ich einige Male beinahe schockiert, wie nah sich Kind und Erzieherin waren. Küsse auf dem Mund waren diesbezüglich mein absolutes „No-Go“.

Vollkommen neu war es für mich zusätzlich, nur unter Frauen zu arbeiten. Es gab ausschließlich Erzieherinnen und auch die Teamleitung, sowie das allgemeine Management wurde von Frauen übernommen. Es gab dennoch einige Gemeinsamkeiten mit der Arbeit in Deutschland. Beispielsweise die Arbeit mit der „early years foundation stage“, was in etwa mit dem Berliner Bildungsprogramm verglichen werden kann, oder verschiedenste Bögen zur Beobachtung und Dokumentation.

Positiv muss ich die viele Angebote der „Roundabout Nursery“ hervorheben. Jeden Tag stand etwas anderes an der Tagesordnung. Sei es selbst Knete herzustellen, mit Maismehl zu spielen oder sich mit Rasierschaum zu bekleckern. An immer wieder neuen Sinneswahrnehmungen hat es den Kleinen definitiv nicht gemangelt – eben sowenig wie am Ausprobieren von Neuem: Durch verschiedenste Lebensmittel, abwechslungsreiche Spielangebote oder das Experimentieren mit Musik (welche ohnehin ein alltäglicher Bestandteil im Tagesablauf war) gab es immer neue Impulse und Ideen für die Kinder.

Auch in der Vorschule war gerade die Musik das tragende Medium zum Lernen. Die Drei- und Vierjährigen hatten drei Mal am Tag eine Gruppenzeit, bei der sie still sitzen, konzentriert zuhören und anschließend, zusammen mit den Vorschullehrerinnen, verschiedenste Zahlen- und Buchstabenlieder singen mussten. Einige der Kinder sind vollkommen im Lernen aufgegangen und haben mich mehrmals überrascht. Anderen fiel es schwer, sich überhaupt einmal hinzusetzen, sodass von Konzentration und Mitmachen überhaupt keine Rede sein konnte. Oftmals mussten diese Kinder dann bei einer Lehrerin oder in einer stillen Ecke sitzen, um die anderen Kinder nicht zu stören. Mir fiel es zu Beginn auch relativ schwer, mich an dieses pädagogische Arbeiten zu gewöhnen und mich in die Rolle einer Praktikantin in meiner Einrichtung einzufinden. Die „Roundabout Nursery“ ist eine qualitativ sehr hochwertige Einrichtung mit einem sehr guten Ruf. Nahezu alle Erzieherinnen hatten einen Studienabschluss oder besondere Qualifikationen. Mir wurden als Praktikantin auch bis zum Ende meines Praktikums einige Dinge strikt untersagt. Beispielsweise durfte ich nie mit einem Kind alleine sein, es von einem in den nächsten Raum begleiten, es wickeln oder den Älteren auf der Toilette helfen. Diesbezüglich galt für mich ein absolutes Verbot. Allgemein wurden mir nicht besonders viele verantwortungsvolle Aufgaben gegeben, was mich einige Male frustriert hat. Ebenso, dass Teamsitzungen, Reflexionsgespräche oder Supervisionen in der gesamten Einrichtung gerade einmal alle drei Monate stattfanden. Ich hatte mich an diese Vorgehensweisen sowie an die pädagogische Herangehensweise aber irgendwann gewöhnt und konnte reflektiert Positives sowie Negatives aus allem herausziehen. Natürlich unterhielt ich mich auch mehrere Male mit meinen Kolleginnen darüber, wie die allgemeinen Vorschriften und Arbeitsweisen in der Einrichtung sind, erfragte, weshalb so gehandelt wird, wie gehandelt wird und erfuhr auch wie es allgemein in England mit Kindereinrichtungen und dem Beruf als Erzieher_in, sowohl schulisch, beruflich als auch finanziell aussieht. Dazu kann ich sagen, dass auch hierzulande sicherlich Verbesserungen nötig sind, es uns in Deutschland verglichen zu England aber sehr gut geht.

 Leute treffen

Im Umgang mit vielen Menschen, mit denen ich zu tun hatte, ist mir aufgefallen, dass es zwar viele oberflächliche Kontakte gab, dass aber immer sehr freundlich mit dem Gegenüber umgegangen wurde: Sei es bei der Arbeit, an der Kasse des Supermarktes oder abends im Pub. An Freundlichkeit waren die Leute, denen ich begegnet bin, kaum zu überbieten: Egal wo und wie fremd ich war, Kosenamen wie „Darling“ oder „Love“ waren vollkommen üblich. Ich musste mich in der erste Zeit daran gewöhnen mehrmals gefragt zu werden, ob es mir gut geht. „You’re alright?“ wurde für mich in Plymouth quasi das neue „Hallo“. Da diese Frage allgegenwärtig war, hat es oftmals niemanden interessiert, wie der tatsächliche Gemütszustand des Gegenübers war. Ich empfand es deswegen auch als schwierig, wirkliche Kontakte oder ernsthaftere Freundschaften aufzubauen. Es dauerte eine Weile bis die Engländer_innen, welche ich kennengelernt hatte, wirklich warm mit mir geworden sind. Dennoch ist es mir sogar gelungen, mir einen kleinen Freundeskreis aufzubauen, was mir die Zeit nochmals versüßt hat. Positiv dazu beigetragen hat sicherlich, dass ich hartnäckig geblieben und immer wieder vor die Tür gegangen bin, um neue Orte und damit auch neue Menschen kennenzulernen. Wahrscheinlich hat auch meine Leidenschaft zur englischen Sprache ihren positiven Beitrag dazu geleistet. Ich genieße es und habe Spaß daran, sie zu sprechen und bin sehr gerne von dieser Sprache umgeben. Während meines Abiturs habe ich drei Jahre den Englischleistungskurs besucht und musste deshalb nur alles ein wenig auffrischen. Allerdings ist dies auch keine Notwendigkeit, denn die Engländer_innen, welche ich kennengelernt habe, haben sich nie daran gestört, wenn jemand nicht so gut Englisch konnte. Im Gegenteil, sie waren dann oftmals sehr hilfsbereit oder haben Scherze gemacht – was man allerdings überhaupt nicht persönlich nehmen sollte. Denn so wie die Freundlichkeit gehört für mich auch der schwarze Humor zu England. Deutsch habe ich trotzdem zwischendurch reden können, wenn ich mit Freunden oder der Familie geskypt habe. Mein Heimweh war vielleicht auch deswegen so gut wie gar nicht vorhanden. Sicherlich hatte ich den ein oder anderen „Ich will jetzt einfach nur nach Hause“ Moment, diese hielten meist aber nur sehr kurz an und waren deswegen auch keineswegs schlimm.

 Eine tolle und wertvolle Erfahrung

Ich habe es zum größten Teil genossen, einmal weg von der Heimat zu sein, etwas völlig Neues kennenzulernen und dadurch auch einen neuen Blick auf das Gewohnte zu bekommen. Ich kann deswegen jedem, der gerne Eigeninitiative ergreift, Willenskraft, Standfestigkeit, Neugier und Freude an etwas völlig Neuem hat, einen Auslandsaufenthalt nur empfehlen. Ich bin sehr dankbar für diese Reise – für all die Erfahrungen, die ich machen, alle die Orte, die ich besuchen und all die vielfältigen Menschen, die ich kennen lernen durfte!

Vor allem bin ich auch dankbar, dass ich so viel über mich selbst erfahren und Neues an mir entdecken und herauskitzeln konnte. Ich denke, dass solch ein Aufenthalt definitiv mit die beste Lehre für einen selbst sein kann. Ich möchte dies absolut nicht mehr missen!

 

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