Reportagen aus der Schreibwerkstatt

Unsere angehenden SozialassistentInnen aus der Soz 18 haben ihre Chance genutzt: Im Deutschunterricht sind gerade ›journalistische Textsorten‹ Thema und unsere TeilnehmerInnen haben Gelegenheit, sich auch selbst an diesen Formaten auszuprobieren. Zwei besonders gelungene Texte werden hier vorgestellt. Jeanné Ibisch und Cleo Schöttler nehmen uns in ihren Mini-Reportagen mit in ihr letztes Praktikum und laden dazu ein, kleine Ausschnitte aus der Praxis mitzuerleben. Der Blick in den Deutschunterricht als Schreibwerkstatt zeigt: Mit Sprache kann man kleine Situationen einfangen, anschauen, reflektieren…

Abraxas

von Jeanné Ibisch

Elf Uhr vierzig, Montagmittag. Ich betrete das Pastor-Braune-Haus, ein Heim für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen über den Haupteingang.

Wie immer schlägt mir ein Geruch von Essen entgegen. Nachdem ich die erste Tür passiert habe, stehe ich im Treppenhaus. Frische Wäsche, ich rieche frische Wäsche. Ich bin im Erdgeschoss, eine halbe Treppe unter mir ist der Keller, in dem sich die Wäscherei befindet. Wie immer ist es um die Mittagszeit sehr ruhig, denn die meisten Bewohner sind noch in der Schule, beziehungsweise in der Werkstatt. Ich überwinde die halbe Treppe uns stehe in der ersten Etage vor der Wohngruppe Abraxas. Ich hebe die Hand, um zu klingeln, lasse sie aber wieder sinken. Noch einmal schaue ich durch das Fenster. Es ist alles so friedlich. Es ist eigenartig, ich bin noch nicht sehr lange hier, aber in mir breitet sich ein angenehm warmes Gefühl von Angekommenheit aus. Ein letzter Blick durchs Fenster, ich hebe den Arm und mit einem Lächeln auf den Lippen drücke ich den Klingelknopf mit der Aufschrift ›Abraxas‹. Die Spätschicht kann beginnen!

 

Johanna

von Cleo Schöttler

Sie sitzt auf dem Sofa, die Hände liegen gefaltet in ihrem Schoß. Ihre rehbraunen Augen schauen starr in den Raum. Sie trägt ein hellblaues Oberteil, welches besonders gut zu ihren schönen grauen Haaren passt. Ich finde, Sie wirkt abwesend – wie in einer anderen Welt gefangen. Es macht mich traurig, sie dort so allein und scheinbar verloren sitzend zu sehen. Frau F. heißt mit Vornamen Johanna. Sie hat Demenz vom Typ Alzheimer. Ich beobachte ihre Blicke. Auf dem Tisch vor ihr steht eine Blumenvase. Johanna beginnt, verwelkte Blätter abzuzupfen. Plötzlich steht sie auf und wandert zum Mülleimer, wirft die alten Blätter hinein. Gedankenversunken schleicht sie an mir vorbei. Ich stehe neben der Küchenzeile und räume den Geschirrspüler aus. Aus dem Augenwinkel beobachte ich Johanna, wie sie sich die große Teekanne vom Regal nimmt. Ich frage mich was sie jetzt wohl damit vorhat. Johanna schraubt den Deckel der Teekanne vorsichtig ab und schaut hinein. Langsam steuert sie, mit der offenen Teekanne in der Hand, auf den Tisch zu. Mit einer ganz selbstverständlichen Bewegung gießt sie das heiße Teewasser in die Blumenvase, um die Blumen darin zu gießen. Im ersten Moment bin ich entsetzt und verwundert, aber sogleich wird mir ihre Krankheit bewusst. Ich gehe zu ihr, nehme die Teekanne an mich und erkläre ihr, dass die Blumen nun ausreichend mit Wasser versorgt sind. Johanna wirkt verwirrt und weiß nicht was sie tun soll. Ich bitte sie höflich darum, wieder auf der Couch Platz zu nehmen. Sie sagt, dass sie jetzt nach Hause gehen möchte, um Socken zu stopfen.

hand

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Wer Sozialassistent oder Sozialassistentin wird, hat auch Unterricht in Fächern wie Deutsch, Englisch und Mathematik, denn neben der Berufsausbildung gibt es – für alle, die ihn noch nicht mitbringen – die Möglichkeit, den MSA, also den Realschulabschluss, zu machen. Viele unserer Schüler nutzen die Chance und finden dabei Freude am Umgang mit Texten und entdecken schlummernde Talente in sich…

 

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