Handeln oder was?

Reist man durch die Welt, so stellt man fest, dass das Betrügen oder korrekter Übervorteilen unterschiedlich bewertet wird.

Betrügen und Übervorteilen…

Liebe Leser_innen,
unsere Schulleiterin am Standort Südkreuz, Frau Philbert-Hasucha, hatte die seltene Gelegenheit für längere Zeit durch Südosteuropa zu reisen. Hier eine ihrer „Reisenotizen“, die sie aus der Ferne gesendet hat.

Von Sabine Philbert-Hasucha

Reist man durch die Welt, so stellt man fest, dass das Betrügen oder korrekter Übervorteilen unterschiedlich bewertet wird. Zum Beispiel gibt es Länder, in denen es geradezu zum guten Ton gehört, einen unkundigen, relativ reichen Ausländer zu übervorteilen: Auf dem Markt, im Restaurant oder auch bei der privaten Unterkunft werden ihm wesentlich höhere Preise genannt als ortsüblich. Oder man verkauft minderwertige Ware zu hohen Preisen als sei sie Markenware. Das geschieht übrigens auch in Ländern, die sich ihrer Gastfreundschaft besonders rühmen. Hat man es geschafft, einen unangemessen hohen Gewinn zu machen, so rühmt man sich vor Freunden und Verwandten seiner Geschicklichkeit, Überlegenheit und Raffinesse und schmäht den dummen Ausländer.


Nun kann man sagen, der Ausländer sei selbst schuld, solle er doch besser handeln und sich besser informieren. Aber mit keinen bis geringen Sprachkenntnissen ist es schwierig – das schaffen nur einige Naturtalente im Handeln.
Es gibt ein altes berlinisches Wort für Frauen, die mit allem möglichen handeln und um alles feilschen: ›Die Hökersche‹. ›Hökern‹ kommt eigentlich vom mittelhochdeutschen hucke = die Traglast des Hausierers und bezeichnete jemanden, der durch das Land zog und aus seinem Kramkorb oder Bauchladen alles Mögliche anbot.
Ich jedenfalls bin keine Hökersche und kann ganz schlecht handeln. Ich denke immer, dass Händler einen Preis angeben, der ihnen einen angemessenen Gewinn lässt und dass der Preis für jeden Käufer derselbe wäre. Dann kann ich überlegen, ob ich es dafür kaufe oder nicht. In ärmeren Ländern weiß ich, dass ich betrogen werde und den Preis eigentlich runterhandeln müsste, aber dann sehe ich den niedrigen Lebensstandard und denke: Was ich draufzahle macht mich nicht ärmer, ihn aber vielleicht ein wenig reicher. An meinem Ego kratzt dabei nur, dass der Verkäufer mich für dumm hält.
Dann treffe ich aber Leute, die sagen mir ich solle das sein lassen, denn ich würde die Preise verderben und außerdem mache es den Händlern Spaß zu feilschen. Es sei geradezu eine Kunst, ein Spiel, das dem Kaufen und Verkaufen einen zusätzliche Reiz verleihe. Das leuchtet mir ein, aber ich kann es trotzdem nicht. Man könnte nun nur noch Ware kaufen, die bereits ausgepreist ist, aber das löst das Problem auch nicht, denn auch hier kann man handeln und so manches Begehrenswerte würde dann nicht in Frage kommen. Also nehme ich in Kauf, für dumm gehalten zu werden und gönne den anderen den kleinen Zugewinn und die Schadenfreude. Sie ist ja bekanntlich die größte Freude…

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