Kultursensible Altenpflege – Gleichwertige Behandlung statt gleiche Behandlung

Von Olivia Speda

Pflege und Pflegebedürftigkeit ist ein Thema, mit dem viele Menschen irgendwann im Leben konfrontiert werden. Betroffen von dem steigendem Pflegeleistungsbedarf sind nicht nur die älter werdenden Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind und deren Muttersprache Deutsch ist, sondern auch die Menschen, die Ende der 50er Jahre z. B. aus der Türkei nach Deutschland kamen um hier zu arbeiten und zu leben (die erste Generation der Gastarbeiter). Auf Grund der geringen gesellschaftlichen Teilhabe für die Bereiche Kultur, Freizeit und Bildung, verstehen sich Migrantinnen und Migranten auch nach über 50 Jahren in Deutschland nicht als Teil unserer Gesellschaft. Das hat wiederum Auswirkungen auf das Alter, d.h. viele Migrantinnen und Migranten bleiben lieber unter sich. Die Forschung spricht von einem Rückzug in sogenannte ethnische Enklaven.
Das DRK gab schon 2005 ein Interview zum Thema „sensiblere Pflege“ und wollte ausländische Senioren von Landsleuten betreuen lassen und durch Ausbildung und Einstellung von Migrantinnen und Migranten als Mitarbeiter mehr Offenheit für dieses Thema zu erreichen.

2006 wurde die erste Pflegeeinrichtung mit Spezialisierung auf Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Berlin eröffnet – doch heute hat die Einrichtung sich auf Abhängigkeits- und Demenzerkrankungen spezialisiert. Es gibt in deutschen Großstädten mittlerweile einige Hilfsangebote von Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten die sich auf die Pflege von Menschen mit Migrationshintergrund eingestellt haben, doch ist es anscheinend wesentlich schwieriger, genau diese Zielgruppe anzusprechen. Was also kann getan werden um genau diese Zielgruppe anzusprechen? Wo muss umgedacht werden, wenn das Typische nicht hilft? Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit dem Krankheitsbild Demenz: Ein Migrant spricht sehr gut Deutsch, doch wegen der fortschreitenden Demenz beginnt dieser nur noch in der Muttersprache zu kommunizieren. Angewandte Methoden in Pflegeeinrichtungen wie vollenden von Sätzen durch deutsche Redewendungen oder Sprichwörter helfen nicht. Aus Sicht von Migrantinnen und Migranten sind damit solche Hilfsangebote nur für Deutsche.
Wie also kann die Versorgungslücke geschlossen werden? Ein Anfang für ein Umdenken könnte die Änderung von Begrifflichkeiten sein, wie Migrationshintergrund in Migrationsvordergrund, „gleicher Behandlung“ in „gleichwertige Behandlung“ um damit die Verschiedenartigkeit anzuerkennen.
Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Haben Sie Ideen, wie die Informationsdefizite auf beiden Seiten minimiert werden können? Auf Ihre Anregungen freue ich mich jetzt schon.

Weiterführenden Informationen:
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Kurzfassung Forschungsbericht: Pflegebedürftigkeit und Nachfrage nach Pflegeleistungen von Migrantinnen und Migranten im demographischen Wandel:
http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Sonstige/fb12-pflegebeduerftigkeit-kurzfassung.pdf?__blob=publicationFile
Dokumentation der Fachtagung „Alter und Migration“ vom 26. – 28.02.2010
https://www.drk-wb.de/download-na.php?dokid=20118

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.