Zum Lehrer geboren

Bildung ist bereits seit Jahrzehnten ein vieldiskutiertes Thema und insbesondere Gegenstand zahlreicher Reformdebatten. Beinahe täglich gibt es neue Ansätze, neue Modifikationen des deutschen Bildungssystems, jedoch hat sich die Situation in den Schulen weitgehend nicht verbessert.

Das Bildungsniveau sinkt, die Motivation der Schüler nimmt ab, aber was noch viel dramatischer ist, die der Lehrer auch. Burn-out-Syndrom und Totalausfälle sind schon lange keine Seltenheit.

Das Magazin GEO veröffentlichte in der letzten Ausgabe zum Thema Bildung einen überaus interessanten Artikel „Die guten Lehrer – Es gibt sie doch!“.

Christoph Kucklick, der Autor des Artikels, bringt es auf den Punkt:„Lehrer müssen Multikönner und Multitasker sein“.

Infolgedessen ergibt sich die Frage: Welche Kompetenzen sollte ein guter Lehrer haben? Ist das Lehramtstudium ausreichend für die Ausübung des Berufes oder sollte man zum Lehrer geboren sein?

Fakt ist, dass ein überragendes Fachwissen verknüpft mit didaktischen Fähigkeiten und Fertigkeiten von enormer Wichtigkeit sind, aber bei Weitem nicht ausreichen. Was entscheidend ist und den Unterschied ausmacht, ist die Begeisterung für das Fach, aber auch die Gewandtheit, diese Begeisterung, diese Leidenschaft auf die Schüler zu übertragen, ohne sich andererseits von dem Stress überwältigen zu lassen.

Darüber hinaus ist es der soziale Aspekt, an dem die meisten scheitern. Der Umgang mit den Schülern und deren Eltern, die sozialen Hintergründe zu verstehen und auf die Schüler als Individuum einzugehen – diese Kompetenzen werden bislang im Studium vernachlässigt, denn der erste Kontakt mit den Schülern erfolgt erst nach dem Studium.

Falsche Beweggründe für ein Lehramtstudium, schwächere Lehrer werden schwächeren Schülern zugeteilt und Unterrichtsmaterialien, die bereits seit 30 Jahren eingesetzt werden, sind nur einige Beispiele, die die zugespitzte Situation im Bildungssystem demonstrieren.

Fazit:

Tatsache ist, dass nicht jeder für diesen Beruf geeignet ist. Zweifellos können sich während des Studiums gewisse Fertigkeiten angeeignet werden, jedoch nicht die Leidenschaft und die Entschlossenheit, junge Menschen zu motivieren, zu inspirieren und zu offenbaren, dass jeder zu Spitzenleistungen fähig ist.

Mit den Worten von Professor Dr. Eberhard Meumann abschließend:

„Erfolge institutionalisierter Bildung sind weitgehend abhängig von der Qualität der Lehre, und diese wird wesentlich bestimmt durch die Qualifikation der Lehrkräfte. Qualifikation ist hier im umfassenden Sinne zu verstehen, geht es doch um

  • die persönliche Ausstrahlung,
  • die soziale Kompetenz,
  • das fachliche Know-how und
  • das pädagogisch-psychologische Wissen und Können, die didaktischen Fähigkeiten der Lehrkräfte.“

 „Eine Schule ist so gut wir ihre Lehrer. Dies gilt für die Grundschule ebenso wie für das Gymnasium oder die Hochschule und natürlich auch für private Bildungsanbieter.“

(aus E. Meumann: „Kurzer Leitfaden für Lehrkräfte des beruflichen Gymnasiums und der Berufsfachschulen für kaufmännische und technische Assistenten“ , Berlin 2010)

Ein Gedanke zu „Zum Lehrer geboren

  1. Prof. Dr. Eberhard Meumann

    Muss man zum Lehrer geboren sein?
    Frau Melanie Haase ist sehr zu danken, dass sie sich diesem Gegenstand zugewandt hat, handelt es sich doch hierbei um ein grundlegendes Problem pädagogischen Handelns. Die Fragestellung ist bei weitem nicht neu. Sie durchzieht die pädagogische Diskussion seit Generationen, berührt sie doch grundlegende Probleme des beruflichen Ethos‘, des Menschenbildes überhaupt, der Stellung des Pädagogen in der Gesellschaft. Weil das so ist, stellt sich die Frage unter sich wandelnden gesellschaftlichen Bedingungen immer wieder neu. Wenn wir heute und in Zukunft der Bildung eine zentrale Bedeutung für den gesellschaftlichen Fortschritt beimessen, dann ergeben sich daraus prinzipielle Anforderungen an die Tätigkeit des Lehrers in einer globalisierten Welt. Unter den Bedingungen einer rasant wachsenden Informationsflut und zunehmener sozialer Polarisierung ist pädagogisches Handeln gefordert, das weit über die Fähigkeit zur Stoffvermittlung hinaus geht. Defizite im Bildungswesen , die die Wirtschaft beklagt und die in Studien sichtbar werden, betreffen nicht nur das teilweise unzureichende Wissen eines relativ großen Teils der Schulabgänger. So schlimm es ist, dass die Ausbildungsfähigkeit von einem relativ hohen Prozentsatz der Schulabgänger nicht erreicht wird, da es an der Beherrschung elementarer Kulturtechniken wie des verstehenden Lesens, des Rechnens und des normgerechten Gebrauchs der deutschen Schriftsprache mangelt, noch gravierender ist die Tatsache, dass es nicht selten an solchen für die aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben unverzichtbaren Persönlichkeitseigenschaften fehlt wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Belastbarkeit und Ausdauer – um nur einige zu nennen. Kurzum: Wir haben es nicht nur mit einem Bildungsproblem zu tun, sondern vielmehr mit einem Erziehungsproblem. Hier ist anzusetzen, wernn die seit Jahrzehnten von der Politik propagierten Fortschritte im Bildungswesen Realität werden sollen. Abgesehen davon, dass Erziehung immer ein gesamtgesellschaftliches Anliegen sein muss und die Familie hier besondere Aufgaben wahrzunehmen hat, kommt dem Berufspädagogen aus erzieherischer Sicht eine herausragende Verantwortung zu. Persönlichkeitsentwicklung vollzieht sich bekanntlich in der Tätigkeit, in der aktiven Auseinandersetzung mit den jeweiligen Gegenständen. Weil das so ist, plant und realisiert der Lehrer den komplexen Prozess der Vermittlung und Aneignung grundlegenden Wissens und Könnens und der Entwicklung handlungsorientierender Werte. Lernen ist ein aktiver Prozess im Inneren der Persönlichkeit, der durch äußere Reize angeregt wird. Pädagogische Führung ist auf diese Anregungen zur Selbstentfaltung der Persönlichkeit gerichtet. Ganz in diesem Sinne bilden Fordern und Fördern eine Einheit. Natürlich gilt auch hier: Von anderen etwas zu fordern ist leicht. Das aber ist das Allerschwerste: die Forderung an sich selbst! Deshalb ist die Vorbildwirkung des Pädagogen sowohl hinsichtlich der fachlichen als auch didaktischen und sozial-pädagogischen Kompetenz fundamental. Das Beispiel ist die stärkste erzieherische Kraft. Wer andere entzünden will, muss selbst brennen – für seine / ihre Schüler, für sein / ihr Fach, für den Beruf, der Berufung sein sollte. Das sind Grundvoraussetzungen, um ein guter Lehrer zu werden und sein. Das muss man mitbringen für diesen schönen Beruf. Fachwissen, didaktische und lernpsychologische Fähigkeiten lassen sich aneignen – die Liebe zum Beruf und zu den Schülern vorausgesetzt.
    Unterrichtung ist mehr als Stoffvermittlung und -aneignung. Unterrichtung geht weit hinaus über das didaktische Dreieck Stoff- Lehrende/r- Lernende/r. Lehren und Lernen, Beraten und Anleiten vollzieht sich als sozialer Prozess vielgestaltiger Interaktionen innerhalb der Gruppe. Jungen Menschen zugeneigt sein, sich ihren Fragen stellen, gemeinsam mit ihnen nach Antworten suchen, eigene Lebenserfahrung weitergeben – das waren und sind Maxime meiner pädagogischen Tätigkeit in Theorie und Praxis in nunmehr 44 Berufsjahren. Mir ist nicht in die Wiege gelegt worden, dass es mir im Laufe dieser Jahre vergönnt sein würde, in nahezu allen Bereichen des Bildungswesens, der Allgemein-, Berufs- und Hochschulbildung, der Betreuung von Doktoranden und Habilitanden sowie der bildungstheoretischen und bildungshistorischen Forschung und darüber hinaus wissenschaftspublizistisch leitend tätig zu sein. Die Meisterung dieser vielfältigen Herausforderungen war stets das Ergebnis angestrengter und zielstrebiger eigener Arbeit. Das gilt für mich bis heute. Aber: Entwickeln kann sich nur, was angelegt ist – schreibt Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg, der große deutsche Pädagoge des 19. Jahrhunderts, in seinem „Wegweiser für deutsche Lehrer“. So lässt sich die eingangs gestellte Frage nicht einfach mit einem Ja oder einem Nein beantworten. Ein kommunikatives Wesen, Offenheit für das Neue, Interesse an anderen Menschen und deren Entwicklung sowie ein hohes Anspruchsniveau an sich selbst – das sind meines Erachtens einige der entscheidenden Prämissen für erfolgreiche pädagogische Tätigkeit. Fachwissen und didaktisch-methodisches Handwerkszeug lässt sich in fleißiger Arbeit aneignen.

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